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Papa weiß Bescheid

Gestern Abend saß ich mit einem Freund in einer Bar und wir starrten über unsere Getränke hinweg auf eine Leinwand, auf „el Clasico“, den Klassiker im spanischen Fußball, Real Madrid gegen den FC Barcelona, er starrt gebannt, ich eher weniger, ich mag beide Teams nicht, aber mein Kumpel ist glühender Real-Fan und da ich nun auch nicht allzu viel besseres zu tun hatte, hatte ich mich breitschlagen lassen, ihn zur Unterstützung gegen den Intimfeind zu begleiten.

Am Nebentisch sitzt ein Vater Anfang 30 mit blonden Strähnchen und seinem etwa neunjährigen Sohn, der Kurze beobachtet das Gekicke interessiert, Daddy scheint irgendein Spiel auf dem Smartphone interessanter zu finden und tippt wie wild darauf herum.

Kurz vor Schluß gleicht Madrid zum 1-1 aus und mein Kumpel, grad noch angespannt auf seinem Stuhl hockend, springt auf, ballt die Fäuste und feiert per hoher Fünf mit anderen im Real-Trikot, „Halá Madrid!! Halà Madrid!!“ wird das eigene Team im Chor gefeiert, ich nehme einen Schluck von meinem Alster.

Nebenan fragt der Sohn seinen daddelnden Vater „Papa, was heißt denn ‚Halá?„, woraufhin sein Vater, ohne aufzublicken, dafür in wissendem Tonfall, antwortet „‚Halá“ ist Spanisch für ‚olé‘!

Der Kurze strahlt. Papa weiß einfach alles! Und ich schüttele traurig den Kopf und widme mich der Getränkekarte. Einer geht noch.

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PingPong

„Rülps!!“

„‚Tschuldigung. War ne Brüllmücke, die sind grad auf dem Vormarsch! Grad jetzt im Winter!“ teile ich mit nachdrücklichem Nicken dem verstört dreinschauenden Mädchen mit, das mich relativ fassungslos dabei beobachtet hat, wie ich mein halbvolles Restbier ge-ext habe, um endlich aus der Kälte raus zu kommen, rein ins Hafenklang.

Denn es ist noch für sieben Minuten Montag.

Und am Montag ist Stammtisch.

Punkerstammtisch, so nennt sich das.

Das kann man aber nicht so wörtlich nehmen, hier hocken keine lederbejackten Irokesenschnittträger bestückt mit Nietenarmbändern en masse um einen Tisch herum und fachsimpeln über „SLIME“, das billigste Dosenbier oder wo man die handzahmsten Ratten für auf die Schulter bekommt. Nein, hier wird sich neben dem Betrinken sportlich betätigt. Oder man betrinkt sich neben dem Sport. Wie mans eben grad mag und der Umwelt besser verkaufen kann.

Punkerstammtisch heißt Rundlauf. Tischtennis. Hardcore-PingPong.

Punkerstammtisch heißt, zu meist grandioser Musikuntermalung um eine extrem antike Tischtennisplatte zu hetzen, die Kelle in der einen, die (Astra-)Knolle in der anderen Hand, sich die Tischtennisbälle mehr oder weniger begabt und koordiniert um die Ohren zu prügeln, um sich dann irgendwie ins Finale vorzukämpfen und dieses dann möglichst unauffällig zu verlieren. Denn der Verlierer bekommt einen Wodka aufs Haus…und da immer das gleiche Glas neu aufgefüllt wird, bekommt er mit Pech auch noch Herpes dazu…nach der dritten „Niederlage“ ist das aber vergessen.

Als ich die Treppen in den ersten Stock heraufsteige, denke ich „Eigentlich wars total bescheuert, das Bier zu exen, das interessiert hier doch eh keinen, ob das hier gekauft wurde oder obs mitgebracht wurde. Aber die komische Tuss da unten, die haste schön geschockt, allein dafür hats sich gelohnt!“ Gedanklich gebe ich mir selbst eine High-Five und öffne dann die Tür. Trete ein ins Hafenklang. Eine Zigarettenqualmwand schlägt mir ins Gesicht, noch kurz einen dunklen kurzen Flur durchschritten und ich stehe in der Arena.

Abgerissene Couches, kahle Wände, ein versiffter Boden, es ist duster, rechtsseitig eine winzige Bar, dahinter ein dreadlocktragender Barmensch, an den acht von zehn Deutschen vermutlich freiwillig nicht näher als fünf Meter herantreten würden, in der Mitte des Raumes die Tischtennisplatte, um die herum Menschen aller Formen und Farben rennen, das ganze untermalt von Black Flag, Ignite, Minor Threat, Sick Of It All, Agnostic Front, Converge, Rancid…alle sind sie da. Ich bin im Paradies!

J. und B. sind auch da, von Job und Bandprobe direkt hergekommen, gut angeschossen sind sie schon, dann kann der Abend ja beginnen.

Ich hol erstmal drei Bier vom angsteinflößenden Barmenschen, J. wirft mir noch einen Schein hinterher. „Bring drei Wodka mit! Geht auf mich, gab heut gutes Trinkgeld!“ Also drei Bier, drei Wodka zum Auftakt. Ich ahne, wohin das führt…

Wir lümmeln zu dritt auf einer der durchgesessenen Sperrmüllcouches und reden. J. erzählt, das hier vorher ein Konzert war, war gut sagt er, abgefahrene Leute, abgefahrene Musike. Arbeitstag war gut, Bandprobe war gut, der neue Song ist RICHTIG gut! B. stimmt zu, der neue Song ist n Knaller, der kommt an, da ist B. sich sicher! Und ja, die Bandprobe war super, hat Ergebnisse gebracht! Zufrieden sind sie alle beide. Und holen noch eine Runde Wodka. Ein paar Minuten beobachten wir das Geschehen, die tischtennisspielenden Menschen jeder Couleur. Wir sitzen etwas abseits, haben einen guten Blick und spähen die kommenden Gegner aus. „Der Tätowierte da kann nix!“ – „Der Blonde mit dem Mittelscheitel, der ist richtig gut! – Ja, aber das ist n Lappen! – Haste Recht…Mittelscheitel, alter Schwede, das ist lang her… Aber Mut hatter…“ – „Oha, die Brünette da drüben hat auch n Mittelscheitel, aber DIE ist ECHT gut! – Ja Mann, zwar nicht im Tischtennis, aber charakterlich kannste nix sagen!“ Es wird laut gelacht ob des pubertären Witzes, das muss ja auch mal erlaubt sein.

Zeit, mal den Schläger zu schwingen.

Aus einem Pappkarton kramen wir uns „Schläger“, die diesen Namen nicht verdienen. Meist sind es blanke runde Holzplatten, an deren Griffen man sich Splitter einzieht, einige haben einen Rest Gummibelag, sodaß sich Ecken und Kanten auf der Schlagfläche ergeben, was sicher total hilfreich ist, wenn man einen Ball platziert spielen will, wozu aber 90% der Anwesenden hier eh nicht oder nicht mehr in der Lage sind.

Egal, auf ins Getümmel. NoFx’s geniales „Kill all the white men“ begleitet das Spiel und ich umrunde erstaunlich behende den Tisch und schalte Gegner um Gegner aus. J. mit einem Schmetterball aus der Vorhand, B. kann ganz einfach nicht spielen, ist auch nur zum Trinken hier, da reicht ein normaler Ball an eine der Tischkanten und B. haut dann den Ball überall hin, nur nicht zurück auf meine Tischseite. Ich stehe im Finale. Gegen den Blonden mit Mittelscheitel, der das Ding hier ernst nimmt und seine Profikelle von daheim mitgebracht hat. „So’n Ding hatteste damals auch, als du noch im Verein gespielt hast vor tausend Jahren“ denk ich mir, „der hat jetzt n derben Vorteil!“ Aber ist ja wurscht, ich hab ja nicht vor, zu gewinnen….

Er schlägt an. Mit Spin. Ich prügel den Ball mit Genuss an die linksseitige Fensterscheibe, hinter der man das Hafenpanorama bewundern kann. 0-1. Ich spiel an, er spielt mir den perfekten Return, um den Ball meilenweit hinter seine Seite der Platte zu kloppen, wo er dann unter einer selbstgebauten Bühne verschwindet und aufwändig wieder rausgekramt werden muss. Ja, es gibt nur diesen einen Ball. 0-2. „Was ist los? Du hast doch die ganze Zeit gut gespielt!?!“ fragt er und ich sehe Verwirrung und Enttäuschung in seinem Blick.

Was los ist? Ich will gratis Wodka trinken – und dafür muss ich verlieren!

Er spielt an und ich erstarre…bis der Ball mich passiert hat. Danach mach ich mich auf den Weg zur Bar und hol mir meinen Wodka. Und er guckt mir entgeistert hinterher. Ich ruf ihm noch „3-0 für dich, gutes Spiel, Glückwunsch! Prost!“ zu. Sein Gesichtsausdruck ist unbezahlbar. Alter, ist nicht das Training der ersten Mannschaft vom H$V…von Pauli hier! Sieh es ein!

Einige der Mitspielenden „ermahnen“ mich dann grinsend, doch nicht sooo offensichtlich zu „bescheißen“…“Is ok, mach ich nich mehr…aber haste seinen Blick gesehn??„. Zwinkernd wird mir zugenickt, war schön, fist bump, „aber reicht jetzt auch mitm Verarschen, ja?“ Klar doch, ich bin ja nicht zum Stressen hier. Der Blonde mit dem Mittelscheitel ist fast jedes Mal im Finale und gewinnt jedes. Entweder hat er das Konzept nicht verstanden oder er mag keinen Wodka. Gegen 1.30 geht er. Zu sagen, alle lagen sich in dem Moment vor Freude in den Armen, wäre übertrieben…aber die Erleichterung war spürbar. Ich renne noch ein paar Runden, „gewinne“ sogar noch zweimal (den Wodka) und sitze mit J. auf einem Sofa, wir reden über Gott und die Welt.

Ein schriller Schrei, ein Einschlag, J.’s Bier verabschiedet sich im hohen Bogen in den dusteren Sitzbereich und schlägt da klirrend auf, dafür liegt nun ein Mädel, das beim Versuch, einen Ball noch zu erreichen, im Vollspeed die Kurve aber nicht mehr bekommen hat, halb auf ihm, halb auf der Fensterbank. Passiert schonmal. Meine Hälfte der Couch ist kaum betroffen und so kann ich ausgiebig über J. lachen, der vor nichtmal fünf Minuten auf meine Frage „Sind wir nicht zu nah dran?“ mit „Ach was, was soll passieren? Meinste, hier knallt wer rein??“ antwortete. Noch mehr lachen muss ich, als ich sehe, daß es das Mädel von draußen vor der Tür ist, das da frontal mit J. kollidiert ist. Man trifft sich immer zweimal im Leben, nur hat sie den Falschen getroffen – im wahrsten Sinne des Wortes!

Ich stehe an der Bar und schnappe auf, wie der Vollbärtige und der Langhaarige neben mir, die anscheinend zur Band, die spielte, bevor ich ankam, gehören, sich unterhalten. Ich schnappe Satzfetzen auf, während Sick Of It All aus den Boxen brüllen. „…Dude, the show was aaawesome!„…“Dude, you playing that guitar? Aaawesome!„…“The crowd, holy cow, aaawesome dude, so aaawesome! And that brunette girl with that really aaaaawesome characters.„…“Yeah, she displayed her aaawesome characters very nicely, I liked it!“ Beide grinsen und stoßen mit der guten Astraknolle an.

Einigermaßen angeschlagen weiß ich, was zu tun ist. Und so erhebe ich mich mit ebenfalls zur Anklage erhobenem Zeigefinger von meinem Barstuhl, trete unsicheren Schrittes, jedoch festen Willens an die beiden heran, tippe dem Bärtigen auf die Schulter und will ihn grad darauf hinweisen, das seine Aussagen über die gutgebaute Brünette quasi einen #Aufschrei der feministischen Bewegungen heraufbeschwören könnten, zum Beispiel bei Twitter, was für ein irrer Gedanke, als wenn sowas jemals…

…bevor ich aber verwarnend und belehrend zugleich mit dem Zeigefinger wedeln kann, schaut er mich an, stellt fest „You need a drink dude!“ und bestellt drei Bier, drei Wodka, das scheint hier irgendwie Usus zu sein heute. Und ich kann nichts dagegen tun. Awesome!!

Gerede, Gerede, Gerede, der Langhaarige ist inzwischen weg, ich ordere noch ne Runde…

Als ich am Tag darauf aufwache, bin ich fit und guter Dinge. Habe eine SMS von J., er will wissen, wieso er blaue Flecken am Körper hat und woher die Handynummer auf seiner Hand kommt. Ich kläre ihn auf und er glaubt mir nicht so richtig. Lach ich drüber, „ruf halt an und lass es dir von ihr nochmal erzählen“ rate ich ihm.

Schalte den Rechner an und habe Facebook eine Freundschaftsanfrage von einem vollbärtigen Kerl aus den USA.

Was zur Hölle…??

Ich hab ein Hirn, holt mich hier raus!

Endlich!

Endlich wissen wir, wer es ist, wer den renomiertesten Titel in der deutschen TV-Landschaft, ach, was red ich, europaweit, weltweit, was sind schon die „Oscars“, komm, bringen wirs auf den Punkt…den renomiertesten im ganzen verdammten Universum im Jahre 2013 gewonnen hat!!

Joey Heindle!! Er ist Dschungelkönig!! Juhuuuuuuuu…

„Moment, Joey wer??“ werden sich nun die meisten völlig zurecht fragen und genauso erging es mir, als mir vor einiger Zeit die Freundin eines Kumpels freudestrahlend erzählte, dieser ominöse „Joey Heindle“ mache beim RTL-Dschungelcamp mit. Normale Menschen schalten ja spätestens, nachdem sie „RTL“ gehört haben, ab…(das Wortspiel war nun ehrlich unbeabsichtigt!)…, die Freundin meines Kumpels ist aber nicht normal. Allermeist im absolut positiven Sinne, was ihr Fernsehverhalten angeht – nein! Sie schaut sich das an. All den Schrott. Begeistert. Fiebert mit. Hat ihn angesteckt. Es ist unglaublich!

Ich komm rein. „Alter, setz dich hin, „Bauer sucht Frau“ läuft nur noch zwölf Minuten!“ Ich setze mich hin und sehe Ungefickte, die knöcheltief in Gülle stehen und den Oberlippenbartversuch voraus in die Kamera seiern, sie seien auf der Suche nach der großen Liebe. Im Karohemd in Kuhscheiße watend. RTL.

Ich komm rein. „Alter, setz dich hin, „Der Bachelor“ läuft nur noch zehn Minuten!“ Ich setze mich hin und sehe einen Haufen durchnittlich bis kaum attraktiver Trullas der billigeren Sorte, die sich vermutlich auch waterboarden lassen würden, um den Bätschela und mit ihm auch eine Nachricht auf Seite eins in der Zeitung mit den vier Buchstaben zu bekommen. Dieser sitzt derweil paschamäßig im Nobelfummel, den er garantiert nicht selber gezahlt hat, irgendwo in der Südsee herum und lässt die Nutten, pardon, die Puppen tanzen. RTL.

Ich komm rein. „Alter, setz dich, „GNTM“ läuft nur noch acht Minuten!“ Ich setze mich hin und sehe klapperdürre Durchschnittstussen, die sich anschreien, dissen, ab und zu mal daran scheitern, vier Meter geradeaus zu laufen und auch ansonsten nicht viel zu können scheinen. „Was heißt nochmal „GNTM“?“ frage ich. „Germanys Next Top Model“! Aha. PRO7. Andere Sender können also auch Scheiße.

Noch ein Beispiel gefällig? Gern!

Ich komm rein. „Alter, setz dich hin, „Berlin – Tag und Nacht“ läuft nur noch sechs Minuten!“ Ich setze mich hin und sehe volltätowierte Asi-Prolls und meist ebenso volltätowierte Asi-Tussen, die sich „Schauspieler“ nennen und vorgeben, daß das, was sie da tun, das „echte Leben“ sei. Es wird fast ausschließlich geflucht, gepöbelt, geprollt oder gehurt. Es ist nicht zu ertragen. Eine unfassbare Scheiße! Aber es hat Erfolg! Zu dem Dreck gibts tatsächlich einen Spin-Off namens „Köln 50667“, wenigstens regt sich in Köln der Widerstand, man will die Serie nicht mehr, ein wenig Hoffnung auf Intelligenz da draußen besteht noch. Läuft beides auf RTL2, dem Bodensatz der deutschen Fernsehlandschaft, schlimmer geht nicht mehr. Ich schäme mich fast dafür, das zu wissen…

Die Freundin meines Kumpels feiert jede dieser Sendungen ab, jede einzelne. Kennt die Namen der Protagonisten, füttert mich mit Informationen zu den Sendungen, die ich maximal zu einem Viertel verstehe.

Und vor ein paar Tagen hat sie es geschafft. Hat mich geknackt.

Ich habe von ganz alleine und ohne Fremdeinwirkung das „Dschungelcamp“ geschaut, bin beim Zappen da hängengeblieben und dachte mir „Ach, was solls…“. Vorher nur zwangsläufig winzige Informationen darüber online aufgepickt, man kann ja kaum dran vorbei lesen. Von den „Promis“, die dort angeblich teilnahmen, kannte ich genau zwei, Helmut Berger und Olivia Jones, die/den kennt aber in Hamburg wohl jeder, da kommt man ja nicht drumrum.

So hab ich mich also in meinen Fernsehsessel gesetzt („Alter, setz dich hin!“), habe auf die Uhr geschaut (‚“Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ dauert noch 25 Minuten!“) und habe dann mir unbekannten angeblichen „Promis“ beim lästern, herumgammeln oder konsumieren von Ungeziefer, Känguruhblut und Schweineanus zugesehen. Warum auch immer. Ich kann es nicht begründen. Vermutlich wie bei nem Unfall auf der Autobahn, man kann nicht wegschauen.

Vorhin dann die SMS. „Joey ist Dschungelkönig wie coll ich feier voll ab!!!!!!!“ (Zitat Ende) Kurz hab ich überlegt, wer nochmal „Joey“ ist. Dann kam die Erkenntnis. „Ach ja, der Idiot!“ Ich habe nicht zurückgetextet.

Ich gehe mich jetzt zur Strafe fürs Gucken des „Dschungel-Camps“ bis heut Abend selber geißeln – und danach schau ich die Aufzeichnung von DSDS! Hah! Und danach weise ich mich in eine Psychatrie meiner Wahl ein…

An der Grenze zu Schwabylon…

Belustigt habe ich in den Medien in den letzten Tagen verfolgt, was die „schwäbische Separatistengruppe ‚Free Schwabylon'“ (Zitat „New York Times“ (!)) momentan in Berlin, genauer gesagt im Prenzlauer Berg (wo sonst?), veranstaltet. Das Gebiet rund um den Kollwitzplatz soll zu einem eigenen Stadtteil werden, der dann „Schwabylon“ heißen soll, ein wortwitziger Seitenhieb auf den „Schwabenhass“ in Berlin, den ein Bloggerfreund wunderbarst in Worte verpackt hat. Notfalls droht man, dieses Unterfangen mit Waffengewalt durchzusetzen. Die Waffen? Spätzle! (Und vermutlich auch der Dialekt, Anmerkung des Autors). Das Ziel des ersten Anschlags? Die Käthe-Kollwitz-Plastik auf dem gleichnamigen Kollwitzplatz im Zentrum des noch fiktiven „Schwabylons“. In Libyen fliegen Bomben, in Leverkusen beim Fußball Böller und Bengalos und im Prenzlauer Berg Spätzle…

Ein grauenhafter Anblick, der mir, als jemandem, der Spätzle nicht ausstehen kann, im Herzen und der Magengegend weh tut.

Rund um den Kollwitzplatz soll es also nun entstehen, „Schwabylon“, die Separatisten haben da bereits genaue Vorstellungen von den Ausmaßen „ihres“ Bezirks.

Natürlich ist das alles nicht ernst gemeint, aber echt, Thierse, da haste ordentlich was losgetreten… Und jetzt rudert er rückwärts, aber es ist zu spät. Die Spätzlekanonen sind geladen…

Direkt an der südlichen Grenze „Schwabylons“ in der Metzer Straße gibt es einen Ort, den ich ungern durch Spätzlebeschuss verunstaltet sehen möchte. Die „Rumbalotte continua“ oder wie Freunde sie nennen: die „Lotte“.

In meinem Berliner Freundeskreis ein beliebter Treffpunkt für gemeinsame Diskussionsrunden, gemeinsame Pokerrunden oder gemeinsame Wodkarunden, wobei letztere zumeist mit den beiden vorherigen Hand in Hand gehen. Einige Gehirnzellen habe ich dort schon gelassen, dafür ein paar blaue Flecke mitgenommen, die der Kollision mit Stühlen, Tischen oder unsicherer Nutzung der paar Treppenstufen zuzuschreiben sind. Früher, als Freund L., noch hinter der Theke nebenjobbte, wurden sich hier diverse Nächte um die Ohren gehauen. In linksalternativem Ambiente, guter Musik lauschend, die von L. geschaffenen Wandmalereien bewundernd, das teils ziemlich skurrile Publikum beobachtend, meist ist es älteren Semesters, häufig entspringt es der literarischen/künstlerischen/althippieesken Ecke und gern sieht es auch mal so aus, als lebe es seit gewisser Zeit in einem Altpapiercontainer um die Ecke. Oder so… Muss man mit klarkommen, schön ist manchmal anders. Aber ich finde es immer wieder äußerst unterhaltsam.

Auch habe ich hier einmal eine Hochzeitsfeier besucht, die des Betreiberpaares (Lyriker Bert Papenfuß und L.’s große Schwester). Es war voll, laut, sehr sehr lustig und ich habe eine Hochzeitstorte mit aufgepinntem Anarchiezeichen gesehen und gegessen, das hat mich sehr beeindruckt.

Ach, liebe „Lotte“, was hab ich nicht alles in Deinen Räumlichkeiten erlebt. Ein abgefahrenes Silvesterkonzert, den schlimmsten Shot ALLER Zeiten, zur Räumung des Hauses „Liebig 14“ wurde hier in einer stillen Stunde die Idee des „Kofferns“ erdacht, glücklicherweise (?) allerdings nie in die Tat umgesetzt und 2010 hatte ich hier das bescheuertste Date der Menschheitsgeschichte. Was ich mir dabei gedacht hab, versteh ich bis heute nicht…

Aber ich bereue keine an die „Lotte“ verschenkte Sekunde, es hat sich immer gelohnt. Wird auch weiterhin so sein. „Schwabylon“ hin, „Schwabylon“ her, ist mir vollkommen latte.

Apropos Latte, das gibts hier nicht. In der „Lotte“ kein Latte. Hipsterfreie Zone sozusagen. Und das im Prenzlauer Berg.

Sachen gibts…

In memoriam

Gestern Abend musste ich mal raus. Bin mit der Bahn zum Hafen gefahren und habe Musik hörend auf einem Poller gegenüber von Blohm&Voss unten an der Wasserkante, der Hafenpromenade, gesessen und die vorbeiziehenden Elbfähren und Schiffe und Boote und die Lichter drüben in der Werft angeschaut. Einfach nur da gesessen, geschaut, „Archive“ oder „Fever Ray“ im Ohr, der Wind fährt in die Kleidung und lässt einen frösteln, aber das macht nichts, das wird ausgeblendet oder sogar genossen. Ganz langsam runterkommen von dem alltäglichen Wahnwitz um einen herum, es klappt sehr gut. Selbsttherapie quasi.

„Ein ganzer Hafen für mich allein“ hab ich gedacht, die Werftarbeiter zählen nicht, die gehören ja dazu. „Cool irgendwie, ein ganzer Hafen für mich allein“. Manchmal, ganz ganz manchmal, da steh ich doch auf diese elende Stadt. Das ist so ein Moment.

Ich nehme die letzte Bahn heim nach Barmbek, nachts Bahn fahren liebe ich, ich starre aus dem Fenster auf die vorbeiflitzenden Lichter, fokussieren klappt nicht, sie flitzen zu schnell. Menschen steigen ein, Menschen steigen aus, alle sind erstaunlich still, kein Geschreie, keine lauten Diskussionen, es wird nicht gelacht oder gestritten. Ungewöhnlich. Angenehm.

Am Barmbeker Bahnhof steige ich die Treppe zu meinem Bahnsteig hoch, kaum jemand ist zu sehen, fast wie ausgestorben. Der Bahnsteig ist menschenleer, ich sehe nur in ein paar Metern Entfernung ein Flackern und gehe dem entgegen, interessiert und irritiert.

Vor einem der stählernen Pfeiler, die das Bahnhofsdach tragen, stehen Grablichter, viele, die Kerzenflammen flackern und züngeln und werfen bizarre rotverfärbte Schatten auf die grauen Bahnsteigplatten. Ein Blumenmeer, Rosen, rot und weiß, Tulpen, rot und weiß, ich sehe Briefe zwischen den Blumen liegen, am Pfeiler selbst kleben handgeschriebene Nachrichten und einige Fotos.

Eine Gedenkstätte. Ein Schrein. Ein Mahnmal?

Ich schlucke einmal tief und trete dann näher heran. Die Fotos zeigen einen jungen Mann, Mitte zwanzig, wenn überhaupt. Dunkelblond, sympathisches Lächeln, durchtrainiert, einer, der sicher die Blicke vieler Mädchen und Frauen auf sich gezogen hat. Er lacht lebensfroh in die Kamera.

Ich überfliege die Briefe und Nachrichten, die mit Tesafilm angebracht wurden. Ich erfahre seinen Namen. Ich lese weiter. „Wir lieben dich, R.!“ „Du fehlst uns jetzt schon, R.!!“ „Warum du? Warum du???“

Ich wende mich ab. Es geht nicht mehr. Mir ist schlecht und ich möchte hier grad nicht sein. Ich könnte heulen.

Ein paar Meter weiter sitze ich auf einer Bank, der Bahnsteig füllt sich, was mir lieb ist, allein mit den flackernden Totenlichtern war es seltsam. Jeder einzelne Ankommende bleibt am Pfeiler stehen. Wird still. Ein Jugendlicher, optisch Schläger-Style, kniet in einer stillen Sekunde mit geschlossenen Augen vor den Fotos nieder, ich nehme an, daß er betet. Eine Frau mit Fahrrad fängt an zu weinen und jemand gibt ihr ein Taschentuch, sie setzt sich danach schluchzend neben mir auf die Bank. Ich lasse sie lieber in Ruhe.

Ich habe keine Ahnung, wer „R.“ war oder was ihm zugestoßen ist. In den Medien findet sich nichts. Ich wüsst es gern. Nicht aus Sensationsgeilheit, sondern weil ich wissen möchte, was dahinter steckt. Was ist passiert? Warum ist es passiert. Wer war „R.“? Ich werds vermutlich nie erfahren.

Die Bahn fährt ein. Als sie wieder abfährt, sieht jeder in meinem Waggon nach links heraus auf die Lichter, die Blumen, die Fotos, die Briefe…das Andenken.

R.I.P.

Die Macht des kleinen Mannes

Die Erkenntnis vom Ostbahnhof ist verdaut, M. und ich laufen mit unserem Berliner Pils vom Späti gen Oberbaumbrücke, vorbei am Fritz-Club, vor dem verzogene Teenies aus der gehobenen Gesellschaft in einer langen Schlange zum Eintritt anstehen, sie sehen alle gleich aus, die Jungs im Hemd mit hochstehendem Kragen, die Mädels bedacht auf Hobbynutte gestylt, ein halbes Kilo MakeUp im Gesicht, Botox gibts ja erst ab 18 (nehme ich an), den Anstand und das Selbstwertgefühl erfolgreich heruntergeschraubt, notfalls darf heut auch mal der Steven ran, auch wenn der nur in ner Autowerkstatt arbeitet, Kerl ist Kerl. Und meist dauerts ja auch nicht lange.

Weiter gehts, an der O2-World vorbei, diesem monströs aussehenden Komplex, den aus unerfindlichen Gründen kaum ein Hauptstädter mag, warum das so ist, erschliesst sich mir nicht.

M. und ich beschließen, eine Pause einzulegen und ein paar Nachtaufnahmen Richtung Alexanderplatz und Richtung Oberbaumbrücke zu machen.

 
 

 

Danach laufen wir über die Oberbaumbrücke, einer meiner liebsten Orte in dieser Stadt, und biegen danach direkt rechts ab, um von unten direkt am Wasser noch ein paar Bilder vom sich uns bietenden Panorama machen zu können. Klappt ganz gut.

 
 
 

Mission completed, die Kamera, besser das Stativ, wird geschultert und wir laufen zum Schlesischen Tor, passieren dabei einen der besten Burgerdealer Berlins , können aber leider keinen Stop einlegen beim „Burgermeister“, denn wir wollen heim.

An der Kreuzung die Überraschung: Obwohl wir ein paar Minuten zu spät dran sind, steht unser Nachtbus noch an Ort und Stelle…wir rennen los, bei rot über die viel befahrene Straße, Wayne, die bremsen schon und hupen tut nicht weh. Geschafft! Unfallfrei!

Wir hetzen den Gehweg entlang, die mittlere Bustür steht offen, da könnten wir doch…viertelsekündige Pause, nein, da kann zumindest ich nicht einsteigen, ich brauch eine neue Fahrkarte. Also laufen wir weiter Richtung der vorderen Einstiegstür…

…und sind keine zwei Meter mehr von der entfernt, als der Busfahrer die Tür schließt und davon fährt. Und ich bin mir sicher, sein zufriedenes Lächeln im Rückspiegel gesehen zu haben. Uns hat er es mal so richtig gezeigt. Lauft, ihr Deppen, lauft!! Genossen hat er das.

Für ein paar Minuten.

Danach wird ihm dann wieder bewusst geworden sein, daß er so einen Quatsch nur macht, weil er sein Leben hasst. Das Leben in der viel zu teuren Wohnung irgendwo in einer abgefuckten Plattenbausiedlung irgenwo in Lichtenberg, mit kaum erzogenen Kindern, die ihm nach langer Schicht auf der Nase herumtanzen und ihn auslachen, weil er nur Busfahrer ist und sonst nichts und mit einer Ehefrau, die ihm schon lang nicht mehr das bietet, was er gern hätte. Nein, seine Männlichkeit hat er zuhause schon lange verloren.

Aber nicht im Job…Da ist er der, der bestimmt, Tür auf, Tür zu, wann immer er will… Endlich mal am längeren Hebel. Das fühlt sich gut an…

Schön hat er sie laufen lassen, die Spinner. Hat sie schön in dem Glauben gelassen, sie könnten den Bus noch bekommen. Und grad in dem klitzekleinen Moment, als sie sich sicher waren…da hat er sie gefickt! Die Macht des kleinen Mannes.

Und jetzt fährt er seinen Bus mit stolz geschwellter Brust zur Endstation und wenn er heimkommt, dann…

„Fuck Mann, der hat uns voll auflaufen lassen!“„Ach komm, so als Busfahrer haste auch n beschissenes Leben. Gut, das war nu dreist, aber…eyh, guck mal, der Späti hat noch auf! Lass uns n Berliner holen!“

Capri-Sonne, NicNacs und…

Kalt ist es hier auf dem Bahnsteig des Ostbahnhofs. So morgens gegen 1.00 Uhr. Und Kumpel M. flucht, denn die anvisierte Bahn, die uns Richtung Prenzlauer Berg fahren sollte, um da die Nacht im „Baiz“, der links anzusiedelnden Kneipe mit den besten Öffnungszeiten aller Zeiten („16 Uhr bis Barmensch am Ende“) ausklingen zu lassen, fährt zwar, obwohl sie eine S-Bahn ist, in Berlin muss man das ja auch mal hervorheben…allerdings fährt sie leider erst in knapp 30 Minuten. Das ist jetzt schlecht…

Und dabei hatte die Nacht so gut angefangen mit grandiosen Burgern im „Burgers Berlin“,

Whisk(e)y im „So Frosch“  (Bild folgt. Vielleicht. Muss Gesicht verfremden, hab aber kein Programm dafür.)

und Cider im „Hops&Barley“ , (eine meiner liebsten Addressen in der Hauptstadt)!

Während M. flucht und den BVG verteufelt, entdecke ich einen Snackautomat, dem ich meine komplette Aufmerksamkeit schenke. Ich steh ja nicht auf Süßkram, aber die Auswahl hier ist gut! Ich sehe die tollen „salzigen“ Lakritzheringe, Caprisonne Orange und Kirsch, NicNacs, Kondome, Schwangerschaftstests, die gute Bifi, sogar die „Bifi Roll“, die mag ich besond…

Kondome? Schwangerschaftstests?? …the fuck?!?

Berlin, du schaffst es immer wieder, mich fassungslos zu machen. Und das ist weiß Gott nicht sooo einfach, ich bin einiges gewohnt.. Aber in der Hauptstadt? Jeden zweiten Tag…

Im Ernst jetzt, Schwangerschaftstests für 8 Euro aus nem Snackautomaten? Gut, Kondome versteh ich ja noch, aber Schwangerschaftstests? Und dann heißen die Dinger bzw die Marke auch noch „Maybe Baby“, welches Genie hat sich das denn ausgedacht?? Ich weiß gar nicht, ob ich lachen soll oder nicht… Und einen Sinn erkenn ich auch nicht. Ich mein, es wär doch viel sinnvoller, wenn…

„Was ist denn jetzt?“ ruft M. mir zu. „Gehen wir nun zu Fuß zum Nachtbus und holen am Späti noch eins oder willst du echt hier auf die Bahn warten? Ist ziemlich kalt hier auf dem Bahnsteig!“

Da hat er Recht. Es ist echt kalt. Und ein Bier vom Späti kann nicht schaden.

„Geht los! Ich konnt mich nur nicht entscheiden hier bei dem Automat…“